psychische Leiden – eine Epedemie in Deutschland

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18.02.2010

Psychische Leiden immer weiter verbreitet

Vor allem junge Menschen leiden verstärkt daran

In Deutschland gibt es viele Kliniken, um psychiatrische Krankheiten zu behan-deln. Immer mehr Menschen leiden an diesen Erkrankungen.

Stress und unsichere Beschäftigungsverhältnisse führen zu psychischen Leiden

In anderen Ländern werden Pychiatriepatienten überwiegend ambulant behandelt, so der Hambur-ger Psychiater Hans-Peter Unger von der Asklepios-Klinik Harburg. Der Verdacht besteht, dass sich mit diesen Patienten Geld verdienen lässt.

Es gebe große Unterschiede, was die Behandlung psychischer Krankheiten angehe, weiß Unger. In den meisten europäischen Ländern setze man standardmäßig auf ambulante Behandlung. So lange sich viel Geld mit stationärer Behandlung verdienen lasse, werde man in Deutschland daran festhal-ten, so Unger. Krankenkassen kritisieren, dass Patienten bei der stationären Behandlung in der Psy-chiatrie oft den Tag über wenig zu tun hätten. „In den Krankenhäusern gibt es aber inzwischen eine große Bereitschaft, auch ambulante Leistungen zu erbringen“, so Unger. Es gebe auch in Deutsch-land gute Modelle, komplexe Therapien ambulant anzubieten. Hometreatment nennt sich diese Art der Behandlung.

„Bei psychisch Erkrankten haben wir keine Fallpauschalen und das Kostenvolumen richtet sich nach der Nachfrage“, sagt Dr. Susanne Klein von der Techniker-Krankenkasse. „Wenn wir eine ho-he Nachfrage haben, steigen entsprechend die Kosten, ohne dass es dort irgendwelche Begren-zungsmöglichkeiten gibt.“ Im Münchner Raum gebe es verstärkt Psychoanalytiker, die auch die Psychoanalyse anbieten, im Dortmunder Raum eher nicht. Danach richte sich, was den Patienten verordnet wird: In München bei Depressionen sehr häufig Psychoanalyse, in Dortmund so gut wie gar nicht. Ausschlagebend sei nicht, was die Patienten brauchen.
Psychische Krankheiten so häufig wie noch nie

Die Zahl psychischer Erkrankungen ist bei Arbeitnehmern in Deutschland 2010 so stark angestiegen wie noch nie: Es gab es 13,5 Prozent mehr Krankheitstage wegen psychischer Leiden. Depressionen und andere psychische Krankheiten machten ein Achtel des gesamten Krankenstandes aus. Diese Diagnosen spielen eine fast doppelt so große Rolle wie noch 1998, ergibt sich aus dem DAK-Gesundheitsreport 2011, der am 15. Februar 2011 in Berlin veröffentlicht wurde.

Insgesamt blieb der Krankenstand mit 3,4 Prozent im Wirtschaftsaufschwung unverändert. Auch bei jungen Arbeitnehmern sind psychische Krankheiten auf dem Vormarsch. Jeder zehnte zwischen 15 und 29 Jahren hat Schmerzen oder andere körperliche Probleme ohne organische Ursache, oft be-gleitet von Depressionen. Knapp sechs Prozent haben Anpassungsstörungen – also Probleme, mit wichtigen Lebensveränderungen umzugehen.

Rund 60 Prozent der befragten jungen Arbeitnehmer gaben in der repräsentativen Umfrage an, sie könnten mehr leisten als im Job verlangt wird. DAK-Chef Herbert Rebscher sagte: „In der Ar-beitsorganisation und im betrieblichen Gesundheitsmanagement sollte der Fokus nicht nur auf Überforderung und Burnout gerichtet sein, sondern auch darauf, wie sich Unterforderung auswirkt.“ Das könne auch Stress verursachen.

Die Zunahme psychischer Probleme fällt mit Schwierigkeiten zusammen, einen Therapieplatz zu finden. Im Schnitt müssen Menschen mit seelischen Problemen zweieinhalb Monate auf eine Psy-chotherapie warten, wie aus einer am Vortag veröffentlichten Studie des Duisburger Gesundheits-forschers Jürgen Wasem im Auftrag der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung hervorging.

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Depression – nicht nur „Hänger“ zwischendurch

Viele Universitäten forschen an Therapieansätzen. Die Chancen, eine Depression zu überwinden, stehen gut. Bis zu 80 Prozent der Patienten können geheilt wer-den. Depressionen sind nicht nur der „Hänger“ zwischendurch, sondern vor al-lem eine ernste Krankheit.

Frauen, die gerade Mutter geworden sind, steigt der MAO-A-Gehalt deutlich
Auslöser ist ein Enzym

Forscher untersuchen die Depression im Wochenbett: Die Wochenbettdepression wird durch das Enzym Monoamin-Oxidase A (MAO-A) ausgelöst wird, haben Leipziger Forscher herausgefunden.

„Mit unserer Untersuchung konnten wir zeigen, dass es zu der Erhöhung des Enzyms im weiblichen Gehirn innerhalb der ersten Woche nach der Entbindung kommt“, sagt Dr. Julia Sacher vom Max-Planck-Instituts (MPI) für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig. Bei den untersuchten Frauen stieg der MAO-A-Spiegel kurz nach der Geburt um 40 Prozent. Am fünften Tag nach der Geburt konnten die Forscher den stärksten Anstieg beobachten. „Das ist normalerweise auch der Tag, an dem Symptome einer Depression am häufigsten auftreten.“ Sie untersuchten die Patientin-nen mit der Positronen-Emissions-Tomografie (PET) – einem bildgebenden Verfahren.

Die Wissenschaftler fanden das Enzym mit deutlich erhöhter Konzentration in Gliazellen und Neuronen. Dort baut es die Neurotransmitter Serotonin, Dopamin und Noradrenalin ab, die außer der Signalweiterleitung zwischen Nervenzellen auch für unsere allgemeine Stimmung verantwortlich sind. Fehlen sie, werden wir erst traurig, später möglicherweise depressiv.

Als Therapieansätze überlegten die Forscher um Sacher, zum einen mit selektiven Hemmstoffen die starke Aktivität von MAO-A zu verringern, zum anderen könnte eine Erhöhung der Konzentration an Neurotransmittern die Stimmung wieder aufhellen. Beide Möglichkeiten haben das Ziel, den Spiegel an Neurotransmittern im Gehirn nach der Geburt hoch zu halten.

Da die meisten Mütter ihre Säuglinge stillen, soll in künftigen Studien untersucht werden, ob es ausreicht, die natürlichen Aminosäuren Tryptophan und Tyrosin, gegen Wochenbettdepression zu verabreichten.

Der Körper wandelt die Aminosäuren in die Neurotransmitter Serotonin und Dopamin um. „Unse-re Ergebnisse besitzen aufregendes Potential, um in Zukunft Stimmungsschwankungen von Müttern kurz nach der Geburt zu verhindern und Depressionen vorzubeugen“, so Sacher.

Die Melancholie kann zur Depression werden

Innerhalb der ersten Woche nach der Geburt ihres Kindes leiden bis zu 70 Prozent der Mütter unter Wochenbettmelancholie. Neben extremer Traurigkeit leiden sie auch unter Stimmungsschwankun-gen, Angstzuständen, Schlaf- und Appetitlosigkeit sowie Reizbarkeit. Die Gründe dafür waren lange Zeit unklar. Während sich die meisten Frauen bald davon erholen, klingen bei etwa 13 Prozent diese Symptome nicht wieder ab, sondern manifestieren sich innerhalb der ersten drei Monate nach der Geburt zu einer Wochenbettdepression.

Wochenbettdepression sei lange Zeit ein Tabuthema gewesen, sagt die Neurologin Dr. Nadine Fröhlich vom Sächsischen Krankenhaus Altscherbitz. „Man hat wenig darüber geredet, man hat auch lange Zeit nicht realisiert, dass es eine Krankheit ist.

Die Depression tritt nach einer Schwellensituation auf – nach der Geburt.“ Selten werde die Krankheit als solche erkannt.

Die Diagnose Depression braucht oft zu viel Zeit
Neue Nationale Leitlinie zur Krankheit verabschiedet

Psychiater, Psychotherapeuten und Nervenheilkundler in Deutschland wollen mit der neuen Nationalen Leitlinie „Unipolare Depression“ ihre Patienten besser behandeln und die Depressionen frühzeitig erkennen.
Sie wollen außerdem von der Einweisung bis zur Rehabilitation enger zusammenarbeiten. Am 26. November 2009 hat der Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde in Berlin die neue Leitlinie „veröffentlicht. Experten aus insgesamt 28 Fach-gesellschaften und Organisationen sowie Vertreter von zwei Patientenorganisationen haben seit 2005 diese gemeinsam erarbeitet. Aus mehr als 1232 Publikationen leiten die Autoren 107 Em-pfehlungen außerdem zu Präven-tion und Screening, Diagnostik, Psycho- und Pharmakathe-rapie und Suizidalität ab.

Immer mehr Menschen werden an Depressionen leiden

Depressionen nehmen weltweit zu. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass Depres-sionen im Jahr 2030 die höchste Krankheitslast in der Weltbevölkerung verursachen – noch vor den Herzerkrankungen.

Das Bundesgesundheitsministerium nimmt an, dass vier Millionen Deutsche von einer Depression betroffen sind. Dabei ist die Dunkelziffer hoch: Nach den Ergebnissen einer WHO-Studie werden depressive Erkrankungen in etwa der Hälfte der Fälle nicht diagnostiziert, und selbst die diagnosti-zierten Fälle werden oft nicht adäquat behandelt.

In den vergangenen Jahren haben sich die Behandlungsmöglichkeiten für Patienten mit Depression in Deutschland zwar verbessert, optimal abgestuft und abgestimmt zwischen haus-, fachärztlicher und psychotherapeutischer Behandlung sind Diagnostik und Therapie aber immer noch nicht.

„Eine Depression versteckt sich manchmal auch hinter körperlichen Symptomen wie zum Beispiel chronischen Kopf- oder Rückenschmerzen, so dass es unter Umständen lange dauern kann, bis die Diagnose gestellt wird“, sagt Prof. Dr. Klaus Lieb, Psychologische Uniklinik Mainz. „Es ist wichtig, auch bei solchen Symptomen immer an eine Depression zu denken.“ Bei der Diagnose sollten zu-nächst körperliche Erkrankungen ausgeschlossen werden, die eine Depression verursachen können – zum Beispiel Schilddrüsenhormonerkrankungen oder eine Tumorerkrankung des Gehirns.

Forscher bezweifeln Wirkung vieler Antidepressiva

Medikamente sind nicht immer die beste Heilung für Depression

„Die Wirksamkeit von Antidepressiva ist nur bei mittelschweren und schweren Depressionen sicher belegt“, sagt Prof. Klaus Lieb, Psychiater und Psychotherapeut. „Bei leichten und mittelschweren Formen kann auch als alleiniges Verfahren eine Psychotherapie eingesetzt werden.

Dabei dauert es jedoch länger bis zum Wirkeintritt. Wichtig ist, dass Antidepressiva nach Abklingen der Symptome niemals abrupt abgesetzt werden. Antidepressiva sind in der Regel gut verträglich und machen nicht abhängig. Sie sollten jedoch immer unter Vorsicht und unter fachärztlicher Kon-trolle eingesetzt werden.“

Untersuche man die Gehirne nach einer durchgeführten Psychotherapie oder nach einer Antidepres-sivabehandlung, könne man sehen, dass beide Therapieformen ähnlicherweise in den Hirnstoff-
wechsel eingreifen und so die Hirnaktivität normalisieren, so Lieb. Besonders bewährt habe sich die kombinierte Behandlung aus Psychotherapie und Medikamenten.

Antidepressiva wie Prozac oder Seroxat sind laut einer Studie so gut wie wirkungslos (verursachen jedoch sehr schwere Nebenwirkungen (Buch: Nebenwirkung Tod, Autor: John Virapen).

Die neue Generation von Medikamenten gegen Depressionen sei kaum besser als Placebos, ergibt die Studie eines Forscherteams unter Leitung des Briten Irving Kirsch. Sie empfehlen Antidepres-siva nur zur Behandlung von Patienten mit schwersten Depressionen einzusetzen. Bei leichten bis schweren Depressionen sollten Ärzte auf andere Behandlungsmethoden zurückgreifen.
In ihrer Studie untersuchten Irving Kirsch von der englischen Hull-Universität und sein Team die Wirkung der neuen Selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI), die Antidepressiva der jüngsten Generation. Dafür werteten sie unveröffentlichte Daten aus den klinischen Versuchen zur Zulassung der Wirkstoffe Fluoxetin (Prozac), Venlafaxin (Efexor) und Paroxetin (Seroxat) bei der US-Gesundheitsbehörde „Food and Drug Administration“ (FDA) aus.

„Studie stellt medikamentöse Behandlung in Frage“

Alison Cobb von Mind von der britischen Hilfsorganisation für psychische Erkrankungen begrüßte die Studie. Sie stelle die bisherige „Vorherrschaft der medikamentösen Behandlung von Depressi-onen ernsthaft in Frage“. „Antidepressiva helfen vielen Menschen, aber bei weitem nicht allen – und bei einigen lösen sie schwere Nebeneffekte aus“, sagte Cobb.

Neun von zehn Hausärzten seien unglücklich darüber, „dass sie Medikamente verschreiben müssen, weil sie keinen Zugang zu anderen Methoden wie etwa spezielle Verhaltenstherapien haben“.

Marjorie Wallace von der Organisation Sane bezeichnete die Studie als „sehr beunruhigend“. Sollten sich ihre Ergebnisse bestätigen, wäre eine „große Hoffnung“ für die künftige Behand-lung von Depressionen zerstört. Sie riet allen Patienten ab, ihre Therapie nun einfach ohne ärztlichen Rat abzubrechen.

Nach Angaben von Minds wurden 2006 allein in Großbritannien 31 Millionen Antidepressiva ver-schrieben, davon 16,2 Millionen der neuen Generation. Gesundheitsminister Alan Johnson will ins-gesamt 225 Millionen Euro für die Ausbildung von 3600 Therapeuten für die nicht-medikamentöse Behandlung von Depressionen zur Verfügung stellen.

Der Seroxat-Hersteller „GlaxoSmithKline“ bemängelte, die Studie ignoriere die „sehr guten Ergeb-nisse“ einer medikamentösen Behandlung. Sie stehe in „Widerspruch zu den Erfahrungen aus dem Klinikalltag“, sagte ein Sprecher und warnte davor, bei den Patienten nun „unnötig Alarm und Sor-ge“ auszulösen. Ein Sprecher von Eli Lilly (*), dem Hersteller von Prozac (**), sagte zu der Studie, „sorgfältige wissenschaftliche und medizinische Experimente“ hätten gezeigt, dass Fluoxetin ein „wirksames Antidepressivum“ sei.

* Eli Lilly: Die Firma wurde wiederholt dafür kritisiert, dass sie Studien über Nebenwirkun-gen ihrer Medikamente unterdrücke, um die Zulassung dieser Medikamente nicht zu gefähr-den. Kritik an Lilly wurde etwa in Zusammenhang mit der Zulassung von Fluoxetin geäußert.Um die durch den Zyprexa-Skandal in den USA zurückgehenden Zyprexa-Einnahmen auszugleichen, verteuerte die Firma ihr Produkt Zyprexa in Deutschland.

** Prozac: John Virapen, ehemaliger Geschäftsführer von Eli & Lilly Company in Schweden, berichtet in seinem Buch „Nebenwirkung Tod“ über die Marketingstrategien seiner Firma, in deren Rahmen er Professoren, Gutachter und Staatsbeamte für die Zulassungen bestach.

John Viapen schieb bereits 2006 den Enthüllungsroman Novo Nordisk über Manipulationen bei der amerikanischen Arzneimittelzulassungs- und Gesundheitsbehörde – FDA. (FDA = „Food and Drug Administration“) durch die Pharma-Branche.

Virapen trat im Dezember 2006 in Hamburg auf einer Veranstaltung der von Scientology-Mitglie-dern gegründeten Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte auf.

Er äußerte sich inzwischen gegenüber der Zeitschrift „taz“, nur das Forum genutzt zu haben und darüber hinaus keinerlei Verbindungen zum KVPM e.V. oder Scientology zu unterhalten.

Elektroschocks als Therapie für depressive Patienten

Ärzte sprechen von Heilungsraten von 80 Prozent, besser als bei Medikamenten

„In wirklich gut gemachten Studien hat man schon Heilungsraten von mehr als 80 Prozent gehabt“, sagt Alexander Sartorius, Oberarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit Mannheim, über die Elektroschock-Therapie zur Behandlung von Depressionen. „Wenn man das mit den Heilungsraten vergleicht, die man üblicherweise mit Medikamenten hat, ist das deutlich mehr.“ In Mannheim werden drei Mal pro Woche Schwerdepressive so behandelt.

Der Patient bekommt eine Narkose und ein Muskel-entspannendes Mittel gespritzt. Es entspannt für kurze Zeit alle Muskeln im Körper – ausgenommen das Herz. Durch zwei Elektroden am Kopf fließt Strom für Sekundenbruchteile durch das Gehirn, der einen epileptischen Anfall (***) auslöst.

„Wir denken, dass die Elektrokrampftherapie dadurch wirkt, dass in bestimmten relevanten Hirnare-alen Nervenzellen wieder zum Wachstum angeregt werden“, schildert Sartorius. „Hinweise aus Tier-experimenten deuten darauf hin, dass es im Hippocampus zu Neuaussprossungen von Nervenfasern kommt.“ Diese Gehirnregion, zuständig für Gefühle, ist bei Depressiven im Vergleich zu Gesunden stark verkleinert.

In der Vergangenheit war die Elektrokrampf-Therapie stark in Verruf geraten. Während sie in den 1940er und 50er Jahren als das Allheilmittel in der Psychiatrie galt, kam sie ab den 60er und 70er Jahren immer mehr unter Beschuss. Inzwischen hat die Elektrokampftherapie wieder ihren festen Platz in der psychiatrischen Behandlung.

(***) Bei einem epileptischen Anfall kommt es zu massiven elektrischen Entladungen der Ner-venzellen. Als Folge treten unkontrollierte Nerven- und Muskelerregungen mit Verkrampfun-gen oder rhythmischen Zuckungen auf. Jeder epileptische Anfall ist mit einem millionenfa-chen Nerven-Zelltod verbunden …

Quelle: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13687357.html

Folgende Beiträge sind nicht mehr im 3sat-Internettext abrufbar:

Das Gen p11 soll bei Depressionen entscheidend sein

„Achtsam“ gegen Schmerz und Depression vorgehen

Ein Viertel der Deutschen hat Winterdepressionen

Volkskrankheit Depression

Sehr geehrte Zuschauerin, sehr geehrter Zuschauer,

leider können wir Ihnen diese Seite nicht mehr anbieten, weil wir sie nicht unbegrenzt vorhalten dürfen. Das bestimmt die Änderung des Rundfunkstaatsvertrags der 16 deutschen Bundesländer (RÄStV § 11d Absatz 2 Ziffer 3) vom 1. Juni 2009.

Eine Übersicht über die Fristen finden Sie im folgenden. Dieser Auszug entstammt dem Telemedienkonzept von 3sat (ausführlich als PDF).
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13687357.html 02.03.1992

Lernen, wie Geist funktioniert DER SPIEGEL 10/1992
Sind Gefühle nur ein Cocktail von Botenstoffen, Gedanken elektrische Schwin-gungen der Großhirnrinde? Entstehen Erinnerungen als Schaltungen an den Toren von Zellmembranen? Gemeinsam dringen Molekularbiologen und Lin-guisten, Informatiker und Psychologen in das geheimnisvolle Nervenknäuel im Kopf vor. Mit einem interdisziplinären Forschungsvorstoß sind sie den Gesetzen des menschlichen Geistes auf der Spur.

Aus Afrika stammt eine Affenart mit höchst bizarrem Verhalten. Ohne erkennbaren Grund versam-meln sich die Tiere häufig in Gruppen, um im Verlaufe allgemeinen Schnatterns in Anfälle unwill-kürlicher, krampfhafter Atemstöße auszubrechen.
Das laute, hilflose, wechselseitig verstärkte Gruppenkeuchen kann so stark werden, daß es die Tiere förmlich lähmt. Doch weit davon entfernt, derartige Zustände zu meiden, scheinen einige von ihnen geradezu süchtig danach zu sein.
Dieses im Tierreich einzigartige, groteske und unproduktive Verhalten hat die Affen nicht gehindert, zur erfolgreichsten Spezies des Planeten zu werden. In über fünf Milliarden Exemplaren bevölkern sie mittlerweile nicht nur Afrika, sondern auch alle anderen Kontinente. Ihr wissenschaftlicher Na-me ist Homo sapiens, das beschriebene Verhalten heißt Lachen. Der Mensch lacht und weint nicht nur, er gebärdet sich auch sonst absonderlich. Er lässt sich durch etwas auf Papier verschmierte Tin-te zu Tränen des Glückes rühren oder kann darüber in tiefste Verzweiflung fallen.
Er beobachtet stundenlang Licht, wie es durch einen Zelluloidstreifen auf eine Leinwand fällt, vor Spannung und Angst stockt ihm dabei fast der Atem.
Er kann eine befremdliche Passion für das Herumrücken von Holzfiguren auf einem karierten Brett oder für das Sammeln gezackter Papierschnipsel entwickeln. Oder er stürzt sich ohne jede Not unter Gefahr für Halswirbel und Oberschenkel auf zwei Plastiklatten unwirtliche Berghänge hinunter.
Der Schlüssel zu den eigenartigen Phänomenen von Komik, Trauer und Stolz, zu Langeweile, Abenteuerlust und Spieltrieb ebenso wie zum spektakulären evolutionären Erfolg des Menschen liegt hinter seiner Stirn: in einem grauweißen Klumpen aus Eiweiß, Kohlenhydrat und Fett, zer-furcht wie eine Walnuß, weich wie eine reife Avocado.
Neun Monate lang bilden sich Sekunde für Sekunde 4000 Nervenzellen im Kopf eines menschli-chen Fötus. Jede von ihnen sendet Tausende kleiner Ärmchen aus, die in entfernten Hirnarealen nach geeigneten Zielzellen suchen. Bei der Geburt des Säuglings haben sich schließlich unter der zarten Schädeldecke rund 100 Milliarden Zellen zu einem Knäuel zusammengeschlossen.
Im Laufe des Menschenlebens wächst dann das Gewicht des Steuerorgans auf das Vierfache an. Doch nach der Geburt werden keine weiteren Neuronen mehr gebildet; statt dessen verdrahten sie sich untereinander, während der Mensch Erinnerungen, Wissen und Erfahrungen ansammelt, bis schließlich rund 100 Billionen Nervenärmchen zum komplexesten Gebilde des Universums ver-schlungen sind – dem organischen Substrat einer Persönlichkeit.
In diesem Nervenknäuel sind die Pein der Mathematikstunden, die Ängste der ersten Liebesnacht und die Wut auf die längst gestorbenen Eltern gespeichert. Der glibberige, graue Lappen beherbergt Hunderte von Pop-Hits oder ganze Symphonien. In seinen Windungen und Spalten wurden die Py-ramiden erbaut, die Hamlet-Verse ersonnen und der Ottomotor konstruiert.
Das Zellgestrüpp hinter der Stirn des Menschen hat die Macht über den ganzen Planeten ergriffen. Es hat Wüsten in Felder und Savannen in Wüsten verwandelt.
Sein Einfluss reicht bis in die Tiefseegräben und die Stratosphäre. In den letzten Jahrzehnten schließlich hat das sanft pulsende Nervenbündel im Menschenschädel die Fähigkeit erlangt, alles Leben auf der Erde zu vernichten.
Dem Encephalon – „dem im Kopf Befindlichen“ -, wie der medizinische Fachausdruck für das Ge-hirn lautet, entströmt ein immaterielles Fluidum, welches das ganze Universum zu durchdringen vermag: die Gedanken. Mit ihnen ist das Hirn bis zu viele Lichtjahre entfernten Galaxien vorge-drungen, bis zum Anfang der Welt und ins Innerste der Materie, mit ihnen kann es das untergegan-gene Rom wieder auferstehen lassen, kann ins Gespräch mit Konfuzius, Jesus Christus oder John Lennon kommen und Gulliver oder Odysseus auf ihren Reisen ins Land von Riesen und Zwergen, Kyklopen und Sirenen begleiten.
Jahrhundertelang waren die Gedanken unumstrittenes Revier der Philosophen. Die Medizin hatte sich mit der Erforschung des Körpers zu begnügen. „Ich denke, also bin ich“ – mit diesem Satz hatte Descartes die Grenzen zwischen Geist und Körper, Philosophie und Medizin abgesteckt.
„Ich bin eine Substanz, deren einziges Wesen darin besteht, zu denken“, stellte der Franzose faszi-niert fest. Dieses Ich, seine Seele, existiere folglich unabhängig vom Körper. In der winzigen Zir-beldrüse an der Hirnbasis, so wollte Descartes herausgefunden haben, tritt sie in Dialog mit dem Körper. Dort instruiere sie gleichsam das Werkzeug, mittels dessen sie auf die Welt wirkt.
Inzwischen jedoch ist die Descartessche Trennlinie spröde geworden. Langsam rücken die Biologen dem Geist auf den Leib.
Vor genau 200 Jahren knüpfte der Italiener Luigi Galvani abgeschnittene Froschschenkel an eine Wäscheleine. Als er sie durch einen Kupferdraht mit dem Pol einer Batterie verband, zuckten sie: Der „Lebenssaft Elektrizität“ war entdeckt. 100 Jahre später gelang es seinem Landsmann Camillo Golgi, Hirnzellen mit einer Silberlösung anzufärben: Er hatte damit die Mini-Computer des Hirns ausfindig gemacht und konnte erstmals Konstruktionspläne der Irrgarten-Architektur aus Fühlern und Armen der Neuronen nachzeichnen.
Bald begannen die Hirnforscher, unter der Schädeldecke auch Fragmente dessen zu entdecken, was Descartes die immaterielle Seele genannt hatte. Es begann 1848 mit dem Mißgeschick des amerika-nischen Eisenbahnarbeiters Phineas Gage, der versucht hatte, mit einer Eisenstange Schwarzpulver in einem Bohrloch festzustopfen. Der Stahl schlug Funken. Das Pulver explodierte. Wie ein Ge-schoss durchstieß die Stange den Kopf des Unglücklichen.
Gage überlebte. Zwölf Jahre tingelte er mit durchbohrtem Kopf – die Stange war einen Meter lang und vier Zentimeter dick – durch den Wilden Westen.
Doch aus dem hilfsbereiten Mann war ein launischer, gemütsarmer Menschenverächter geworden. Einen Teil seiner Persönlichkeit, verborgen in den Windungen des Stirnhirns, hatte der Stahl aus-gelöscht.
Stück für Stück förderten die Forscher die Fragmente der Seele aus dem Gewirr grauer Zellen zu-tage. Liebe und Hass glaubten sie im limbischen System aufgespürt zu haben, das Gedächtnis im Hippokampus, die Geilheit im Zwischenhirn. In der rechten Großhirnrinde vermuten sie Musik, räumliches Vorstellungsvermögen, aber auch die Depressionen. In der linken hingegen wollen sie Mathematik, Sprache und Intelligenz geortet haben.
Reicht diese Intelligenz aus, sich selbst zu entschlüsseln? Können Gedanken die biologischen Ge-setze des Denkens erfassen?
Inzwischen haben auch Politiker und Geldgeber den hohen Rang solcher Fragestellungen erkannt. US-Präsident George Bush hat die neunziger Jahre offiziell zur „Dekade des Gehirns“ ausgerufen. Unter Führung der japanischen Regierung wird derzeit ein milliardenschweres „Human Frontier Science Programme“ angeschoben, ein Schwerpunkt ist die Hirnforschung. Und auch die deutsche Max-Planck-Gesellschaft räumt diesem Forschungsfeld Priorität ein; in acht Instituten wird am Gehirn experimentiert.
Aus den unterschiedlichsten Richtungen tasten sich die Forscher an „den letzten großen weißen Fleck auf unserem Planeten“ heran, wie es der Frankfurter Hirnforscher Wolf Singer formulierte. Auf Hirnkongressen und Workshops von „Kognitionsforschern“ kommen plötzlich Molekularbi-ologen und Informatiker miteinander ins Gespräch, Linguisten und Neurologen haben einander etwas zu sagen, und Psychologen und Physiologen verbünden sich auf einer großen interdiszipli-nären Entdeckungsreise.
Gentechniker fahnden nach den Molekülen der Erinnerung. Mit modernen Tomographen durchleu-chten Mediziner das Hirn. Psychologen versuchen zu ergründen, wie Räumlichkeit oder optische Täuschungen im Kopf entstehen. Linguisten spekulieren, ob die Sprachen im Hirn fest verdrahtet sind. Und Computer lernen vom Hirn das Sehen, Riechen und Sprechen.
Gemeinsam stellen die Forscher die großen Fragen: Wie finden Bilder, Melodien oder Düfte ihren Weg in die graue Masse? Wo werden der Geruch von Rosmarin, der Gesang einer Nachtigall oder die Farben des Sonnenuntergangs konserviert? Wie setzen Eiweiße und Fette aus „gelb“, „sauer“, „krumpelig“ und „fest“ eine Zitrone zusammen? Und schließlich: Ist „Geist“ nichts als ein Strom von Natrium- und Kaliumionen? Ist unser Hirn nichts als der Welt höchstentwickelter Computer?
Antworten scheinen vielen Wissenschaftlern in greifbarer Nähe. „In diesem Jahrhundert haben wir mittels Physik und Gentechnik Materie und Leben entschlüsselt“, resümiert Heinrich Betz vom Frankfurter Max-Planck-Institut für Hirnforschung. „Nun wollen wir lernen, wie der Geist funktio-niert.“
Unterstützt wird er von einem, dem es schon einmal gelang, dem Leben eines seiner erregendsten Geheimnisse zu entreißen: Auch Nobelpreisträger Francis Crick, der 1953 gemeinsam mit James Watson die Struktur der Doppelhelix aufklärte, die den genetischen Kode enthält, ist jetzt den Rät-seln des Hirns auf der Spur. Sein Credo: „Die Zeit ist reif, das Bewusstsein auf neuronaler Basis in Angriff zu nehmen.“
Die Gehirne epileptischer Ratten kommen per Luftfracht, tiefgefroren, wie jedes mal. Peter Seeburg und Hannah Monyer, die beiden Wissenschaftler am Heidelberger Zentrum für Molekulare Biolo-gie, haben die Sendung schon erwartet: In jedem dieser pflaumengroßen grauen Eisklötze ist gleich-sam ein Rattenleben gespeichert.
Sofort macht sich Hannah Monyer auf die Reise ins Rattengedächtnis. Mit dem Mikrotom, einer Art Präzisionswurstmesser in einer Gefriertruhe, schabt sie von dem Gewebeklumpen Scheiben herun-ter, jede ein hundertstel Millimeter dick.
Dann durchstreift die Neurobiologin mit dem Mikroskop diese Schnitte der Rattenpersönlichkeit: „Hinten, im Kleinhirn, werden Feinmotorik und Gleichgewicht gesteuert“, erklärt sie. _(* radioaktiv eingefärbter ) _(Mikrotom-Schnitt, ein hundertstel ) _(Millimeter dick. ) „In der Großhirnrinde sieht und hört die Ratte. Und hier, im limbischen System, sitzen die Gefühle.“
Schließlich gilt ihre ganze Aufmerksamkeit nur noch den zwei Nervenwürmchen, die sich zwischen Groß- und Zwischenhirn winden. „Das ist das Relais, durch das die Erinnerungen fließen“, erläutert Hannah Monyer. Hier, im sogenannten Hippokampus, sucht sie nach den Ursachen für das Zellster-ben nach einem Hirnschlag oder nach epileptischen Anfällen.
Auch die 1000fache Vergrößerung des Mikroskops gibt noch keine Vorstellung von dem komplexen Zellgeflecht in den beiden kaum einen halben Zentimeter langen Nervenbündeln. Hier plauderten rund zehn Millionen Neuronen an mehr als einer Milliarde Schaltstellen, sogenannten Synapsen, miteinander; unentwegt schossen elektrische Pulse die fettigen Fasern hinauf und hinunter, öffneten sich Ventile für chemische Botenstoffe oder schlossen sich elektrische Schleusentore – bis der Plausch der Rattennerven schockgefroren wurde.
Hannah Monyer interessiert sich für sogenannte Glutamat-Rezeptoren. Als Spürhunde schickt sie radioaktive Antikörper oder kleine Erbgutschnipsel auf die Suche nach diesen molekularen Schleu-sen in der Membran der Hippokampus-Zellen. Indem der Botenstoff Glutamat an diese Moleküle andockt, so glauben die Molekularbiologen, fräst er gleichsam die Erinnerung in die molekularen Strukturen der Zielzelle.
Bei einem epileptischen Anfall wird der Hippokampus von elektrischen Erregungsschauern heim-gesucht und dabei mit Glutamat überschüttet; bei einem Schlaganfall leeren die erstickenden Ner-venzellen panikartig ihre Glutamat-Depots. Wie ein Übermaß an Säure eine Radierungsplatte ve-rätzt, so zerstört die Überflutung mit Botenstoff das Zellgeäst, auf dem das Gedächtnis eingeritzt ist.
Nach den Spuren dieser Glutamat-Vergiftung sucht Hannah Monyer in den Rattenhirnen aus Lund in Schweden. Dort wurde den Tieren vor ihrem Tod die Halsschlagader abgeklemmt, oder sie wurden mit Elektroden zu epileptischen Anfällen gereizt.
Die Neurobiologin ist überzeugt:
Erst wenn die Grammatik der Neuronensprache verstanden ist, wird die Heilung von Krank-heiten wie Epilepsie oder Schizophrenie möglich sein. Und auch das Phänomen des Gedächtnis-ses ist im chemischen Smalltalk an den Synapsen verborgen.
Ihre Doktorarbeit hat die deutschrumänische Ärztin über den Eifersuchtswahn in Prousts Roman-werk geschrieben. Um anschließend in der Kinderpsychiatrie arbeiten zu können, hat sie eine Aus-bildung als Psychotherapeutin gemacht.
„Aber dann habe ich gemerkt, dass es etwas anderes ist, wenn Sie wirklich einen Patienten mit einer Wahnvorstellung vor sich haben“, erzählt sie. „Literatur oder Psychotherapie allein helfen da nicht weiter.“
Statt dessen führte sie die Suche nach den Ursachen psychischer Krankheiten ins Labyrinth der Ner-venzellen, bis an deren Schaltstellen, die Synapsen. In Heidelberg, der Hochburg der deutschen Genszene, fand sie das ideale Klima, um nach jenen Molekülen zu fahnden, die psychische Krank-heit, Erinnerung und Bewusstsein bilden.
In der alten Gelehrtenstadt am Neckar erforschen Mediziner, Biologen und Gentechniker an zwei Max-Planck-Instituten, der Universität, dem Europäischen Molekularbiologischen Labor und am Deutschen Krebsforschungszentrum die molekularen Geheimnisse des Gehirns. Hannah Monyer entschied sich für das Labor von Peter Seeburg. Dort tauschte sie ihre Schizophrenie-Patienten gegen Schnitte von Rattenhirnen und den Proustschen Eifersuchtswahn gegen Glutamat-Rezepto-ren.
Dennoch will sie nichts davon wissen, dass diese neue Welt mechanistisch sei: „Viele behaupten, dass wir die Welt entmystifizieren, wenn wir versuchen, sie molekular zu erklären. Aber ist es nicht im Gegenteil noch viel faszinierender, dass zum Beispiel die Handlung eines ganzen Proustschen Romans durch die Reizung von ein paar Geruchsrezeptoren hervorgerufen wird?“
In seinem siebenteiligen Romanzyklus „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ schildert Proust, wie ein ovales Sandtörtchen, ein Kuchengebäck mit dem Namen „Madeleine“, vermischt mit dem Geschmack von Tee, im Bewusstsein des Erzählers einen unwillkürlichen Schauer auslöst. Ein zweiter Schluck Tee, einige weitere Kuchenkrümel, und ein Reigen zerstückelter Visionen aus der Vergangenheit regt sich in seinem Gedächtnis. Der Geruch des Lindenblütentees wird zur Gedächt-nisleitung in den Ort seiner Kindheit. Das Teegebäck öffnet das Siel der Erinnerung, aus dem 4000 Seiten lang Vergangenheit fließt.
Aber von wo steigt plötzlich die verlorene Zeit wieder auf? Ist sie irgendwo ins Hirn graviert? Und wie lässt sie sich wieder zum Leben erwecken?
Einen ersten Schlüssel zur Antwort dieser Fragen lieferte, schon vor drei Jahrzehnten, ein Luftwaf-fenrekrut aus San Diego, der im Schlafraum mit seinen Stubengenossen fechten übte. Er drehte sich um, gerade, als sein Gegner einen Ausfall machte. Das Florett traf ihn, drang ihm durch die Nase und geriet ins Hirn.
Für „N. A.“ – unter diesem Namen ging der Rekrut in die Geschichte der Hirnforschung ein – steht seither die Zeit still. Noch immer glaubt er sich im Jahre 1960, seine Sätze sind gespickt vom Slang der ausgehenden fünfziger Jahre, nach wie vor lebt und denkt er in der Welt von Elvis Presley und Präsident Eisenhower.
N. A. vegetiert in einer zeitlosen Welt dahin. Er weiß nicht mehr, wo er wohnt oder wer sich um ihn kümmert; er erkennt das Haus nicht, in dem er seit vielen Jahren lebt, und jedes mal, wenn ein Wer-bespot das Fernsehprogramm unterbricht, verliert er den Zusammenhang. Nur die Erinnerungen bis zu dem Unglück sind ihm erhalten geblieben.
Der Degen hat eine kleine Hirnstruktur durchstoßen, die seither als Relais des Gedächtnisses gilt: eben jene Gewebewürmer, in denen Hannah Monyer nach Glutamat-Rezeptoren sucht. Jede Infor-mation scheint den Hippokampus passieren zu müssen, ehe sie dauerhaft im Gedächtnis abgespei-chert wird.
Seit dieser Entdeckung suchen die Hirnforscher an den Synapsen des Hippokampus nach den Mole-külen der Erinnerung. Deshalb war die Aufregung unter den Hirnforschern groß, als 1983 der soge-nannte NMDA-Rezeptor gefunden wurde, ein Glutamat-Rezeptor, der genau die erhofften Eigen-schaften hatte:
Er ist gleichsam ein Schleusentor in der Zellmembran, das um so besser funktioniert, je häufiger es benutzt wird (siehe Grafik).
Damit schien eine Möglichkeit gefunden, das Gedächtnis zu erklären: Die Erinnerung ebnet sich gleichsam selbst die Bahnen, entlang derer sie später wieder wachgerufen wird.
Überall auf der Welt stürzten sich Forscher auf das röhrenartige Molekül in der Membran der Hip-pokampus-Zellen. „Unglaublich, wie speziell die Fragen der Molekularbiologie geworden sind“, meint dazu der Leiter der Heidelberger Forschergruppe Peter Seeburg. „Da kann man berühmt wer-den, obwohl man sich nur mit einem einzigen Molekül beschäftigt.“
Seeburg gehört, wie die Zeitschrift Science formulierte, als meistzitierter deutscher Forscher zur wissenschaftlichen Creme de la creme. Trotzdem musste er gerade eine Niederlage auf der Jagd nach dem molekularen Substrat der Erinnerung einstecken: Eine japanische Gruppe war schneller mit der gentechnischen Herstellung des begehrten NMDA-Rezeptors.
Schon längst ist aus dem einen Glutamat-Rezeptor eine ganze Familie geworden. „Heute wissen wir, dass es mindestens zehn Unterarten davon gibt“, sagt Seeburg. „Und wahrscheinlich werden wir noch mehr finden.“
Heute scheint es ihm erstaunlich, dass die Neurobiologen einmal glauben konnten, dass sich das Gedächtnis mit einigen wenigen Molekülen würde erklären lassen. Beseelt vom Glauben an ein molekulares Alphabet des Gedächtnisses, hatten sie lange verdrängt, dass rund ein Drittel aller Gene für Hirnfunktionen benötigt werden. Allein 1000 verschiedene Geruchsrezeptoren sind mittlerweile bekannt.
Trotzdem hofft Seeburg ein Prinzip in diesem Chaos gefunden zu haben: Er entdeckte, dass sich einige der Glutamat-Rezeptoren nur in kleinen Untereinheiten voneinander unterscheiden.
Könnte es sein, so spekuliert er, dass Hirnzellen ihre Rezeptoren umbauen? Daß die Moleküle in der Zellmembran gleichsam Baukästen sind und die Zellen die elektrischen Ströme durch ihre Mem-bran steuern, indem sie molekulare Module austauschen? Vielleicht speichern die Zellen so einen Teil ihrer Erinnerungen?
Hilfe bei der Antwort auf diese Fragen bekommt Seeburg von nebenan. Dort, im Max-Planck-Insti-tut für Medizinische Forschung, sitzen die Elektroniker des Gedächtnisses.
Bert Sakmann entwickelte eine Technik, mit der er die winzigen Strompulse durch die Zellmem-bran messen und damit gleichsam die elektronischen Bauteile der Neuronen einzeln testen kann – eine Methode, für die er im letzten Jahr den Nobelpreis für Medizin erhielt (SPIEGEL 42/1991).
Gemeinsam versuchen die Heidelberger Forscher jetzt, die Zelle beim Austausch der Kanäle zu beobachten. „Wenn wir die molekulare Wirkungsweise der Kanäle erst verstanden haben“, hofft Seeburg, „können wir sie vielleicht auch beeinflussen.“ Ziel ist ein Medikament, dass den Zelltod nach einem Hirnschlag oder nach epileptischen Anfällen stoppen würde. Seine Hoffnung setzt er auf das „therapeutische Fenster“: Erst zwölf Stunden nach der Überschwemmung mit Glutamat beginnt das massenhafte Zellsterben im Hirn. „Während dieser Zeit müssen wir eingreifen“, so spekuliert er, „dann wären die Ärzte bei einer der häufigsten Todesursachen nicht mehr so völlig hilflos wie bisher.“
Die ersten 48 Jahre seines Lebens war Boswell das Musterbild eines Durchschnittsamerikaners, wie aus einem Theaterstück von Arthur Miller. Er hatte alles, was ihm als Garant des Glücks galt: ein Haus im Mittleren Westen, eine Stelle in der Anzeigenabteilung einer Zeitung, eine Frau und zwei Kinder, denen er das College zahlte.
An all das erinnert er sich nicht mehr. 17 Jahre ist es her, dass ihn ein plötzliches Fieber befiel. Krämpfe schüttelten ihn, er phantasierte, bis er schließlich in tiefes Koma fiel.
Drei Tage später erwachte er, umgeben von einem Graben des Vergessens. Die Hirnhautentzündung hatte ihn seiner Vergangenheit beraubt; seither ist er verbannt auf die Inseln des Augenblicks, die immer aufs neue nach 40 Sekunden im Ozean der Zeit versinken. Er ist noch schlimmer dran als der bedauernswerte Rekrut N. A.: Bei ihm gibt es nicht einmal eine Brücke der Erinnerung zurück in seine Jugend.
Willkürlich rät Boswell Jahreszahl oder Heimatstadt. Auf das Foto seiner Frau blickt er ebenso rat-los wie auf das seiner Eltern. „Ein Mann Anfang 60, mit dunklen Haaren. Aber ich glaube nicht, dass ich ihn schon einmal gesehen habe“, beschreibt er ein Foto seiner selbst.
Für den Neurologen Antonio Damasio ist Boswell, wie jeder seiner Patienten, eine Expedition in die Welt unter der Schädeldecke. „Und das ist unsere Landkarte“, sagt er und zeigt auf den Computer-schirm, auf dem ein gefurchtes, lappiges Organ kreist – ein millimetergenaues Abbild von Boswells Gehirn, rekonstruiert aus einem Wust von Daten, die ein Kernspintomograph geliefert hat.
„Die Krankheit hat nicht nur den Hippokampus zerstört“, erklärt Damasio und weist auf einen gro-ßen schwarzen Fleck am unteren Hirnrand, etwas oberhalb der Stelle, an der Boswells Ohr sitzt. „Auch große Teile des Schläfenlappens sind kaputt.“
Boswell lebt – obwohl die Viren ein faustgroßes Loch in seine Großhirnrinde gefressen haben, also gerade dort, wo einige Hirnforscher bereits den Sitz des Bewußtseins geortet haben wollten. „Und Boswell hat ein Bewußtsein genau wie Sie und ich“, betont Damasio.
Bewußtsein, so seine Überzeugung, ist nicht an einer bestimmten Stelle im Hirn verborgen. Wer das Denken verstehen oder das Bewußtsein finden will, muss nach dem Kitt suchen, der Sehen und Rie-chen, Erinnern und Fühlen, Handeln und Entscheiden zusammenhält.
Seit 150 Jahren fahnden die Hirnforscher in den grauen Windungen unter der Schädeldecke nach den Fragmenten dessen, was der Mensch als „Ich“ bezeichnet. Schon damals entdeckten sie, dass Patienten mit Schäden im linken Schläfenbereich zwar redegewandt daherfabulierten, doch der Wortschwall ergab nichts als Unsinn.
Lag die Verletzung jedoch etwas weiter vorn, so konnte der Patient nur noch mühsam radebrechen, dafür hatte sein Gestammel einen klaren Sinn: Das Sprachverständnis, so folgerten die Ärzte, mußte im linken Schläfenlappen, die Spracherzeugung hingegen im linken Stirnlappen versteckt sein.
Bald hatten die Hirnanatomen auf diese Weise ganze Seelenatlanten entworfen. Unterstützt wurden sie von dem kanadischen Chirurgen Wilder Penfield, der Epileptiker bei vollem Bewußtsein ope-rierte. Dabei stellte er fest, daß er seine Patienten wie Marionetten steuern konnte: Bei elektrischen Reizungen am Scheitel bewegten sie unvermittelt Finger, Hände oder Beine. Kitzelte er dagegen die rechte Schläfe, so hörten die Patienten plötzlich Melodien, bei Reizung wieder anderer Hirnregio-nen sahen sie Lichtreflexe, Bilder oder ganze Szenen, oder sie berichteten von berauschenden Glücksgefühlen.
Doch es zeigten sich auch die Grenzen dieser Seelen-Anatomie. Je weiter sich die Forscher in Rich-tung Schläfen und Stirn vorantasteten, desto komplexer und verworrener wurden die Aufgaben, die offenbar hier verborgen lagen. Anscheinend hatten sie es hier mit Gefühlen, mit sozialem Verhalten und dem _(* Oben: mit der Computergrafik eines ) _(Patientengehirns; Mitte: nach Descartes“ ) _(Vorstellung liefen alle Wahrnehmungen in ) _(der Zirbeldrüse zusammen. Dort vermutete ) _(er den Sitz der Seele, die ) _(Handlungsbefehle an den Körper gibt. ) Charakter zu tun, hier schienen Pläne geschmiedet und Entscheidungen gefällt zu werden – doch klare Trennlinien zwischen diesen Funktionen waren kaum zu finden.
Lange Zeit kapitulierten die Neurologen vor der Kompliziertheit des Stirnhirns. Doch vor einigen Jahren nahmen Antonio Damasio und seine Frau Hanna die Tradition wieder auf, Patienten mit Hirnverletzungen sorgfältig zu untersuchen.
Ihre Vorgänger hatten die Gehirne ihrer Patienten stets erst nach deren Tod untersuchen können. Inzwischen erlaubt die Technik den Ärzten auch den Blick ins lebende Hirn. Mit dem Positronen-Emmissions-Tomographen (PET) kann Hanna Damasio ihren hirngeschädigten Patienten beim Denken zusehen und es mit dem Denken in einem gesunden Hirn direkt vergleichen: Dazu injiziert sie radioaktiven Zucker. Dieser wird vor allem in aktiven Zellen abgebaut. Dort sammelt sich des-halb Radioaktivität, die verrät, welche Teile des Hirns gerade arbeiten.
Die gewaltige PET-Apparatur steht in der Universitätsklinik von Iowa City. Dort, in einem 50 000-Einwohner-Städtchen inmitten von horizontweiten Maisfeldern, regiert das portugiesische Ehepaar die größte Neurologie-Station der Welt. „Tony sitzt dort wie eine Spinne im Netz“, sagt der Nobel-preisträger David Hubel über seinen Kollegen: Aus dem ganzen Bundesstaat Iowa kommen die Pa-tienten nach Iowa City; die meisten von ihnen finden sich auch nach zehn Jahren noch zu Nachfol-geuntersuchungen ein.
Innerhalb von 16 Jahren stellten sich die Damasios das weltweit größte neurologische Gruselkabi-nett zusammen, eine Patienten-Kartei, in der sich alle Arten von Verhaltensstörungen und Sprach-ausfällen, Sehfehlern und Gefühlsverwirrungen finden; jedem der mehr als 1500 Boswells hat ein Unfall, ein Schlaganfall, Viren oder ein Tumor ein Loch in die graue Substanz im Schädel gerissen.
Die Arbeit mit diesen Patienten hat den Damasios immer wieder bestätigt: Das Hirn besteht nicht nur aus Einzelkammern, in denen Geräusche, Licht, Sprache und Gefühle verarbeitet werden. Erst die Verbindung dieser Kammern läßt im Kopf ein Gesamtbild der Welt, Gedanken und Bewußtsein entstehen.
Durch fünf Sinnesportale dringt die Welt ins Hirn: als Licht oder Schall, Geruch, Geschmack oder Tastempfindung. Dann wird sie weiter zerlegt, in Farben, Formen und Bewegungen, in Lautstärken und Tonhöhen, in Wärme- und Härtegrade. „Und dennoch erleben wir die Welt als Ganzes. Sie ist für uns nicht zersplittert in ein Chaos von Eigenschaften“, sagt Damasio. „Und eben das läßt sich nicht erklären, wenn wir uns das Hirn nur aufgeteilt in Schubladen vorstellen.“
Die Schubladen sind nach Damasios Vorstellung durch Konvergenzzonen verknüpft, Nervenknäuel, von denen er annimmt, daß sie verstreut im ganzen Hirn liegen müssen. Dort laufen die Nerven-stränge der Sinne zusammen. Andere Konvergenzzonen verknüpfen „Apfel“, „Banane“ und „Zitro-ne“ zu „Obst“, verbinden die Buchstaben „B“, „A“, „L“ und „L“ zu „Ball“ oder kombinieren beim Wiedererkennen eines Freundes die visuelle Information der Augen mit der Erinnerung an Gesich-ter.
Die Defekte seiner Patienten erklärt Damasio mit der Zerstörung derartiger Konvergenzzonen. „Boswell zum Beispiel“, erläutert er, „hat die Fähigkeit verloren, sein abstraktes Wissen über die Welt mit seinen Erinnerungen zu verknüpfen. Er weiß zum Beispiel noch, daß er gern ins Kino geht, aber er kann sich an keinen einzigen Film erinnern.“
Um seine Theorie zu beweisen, ersann Damasio Experimente, mit denen er das Gedächtnis von Boswells Gefühlen messen wollte: Er zeigte seinem Patienten Fotos von Pflegern, die sich zuvor besonders um ihn gekümmert oder die ihn bewußt geärgert hatten. Tatsächlich zeigte sich ein Echo der Vergangenheit in Boswells Gefühlen: Wer ihn freundlich behandelt hatte, dessen Foto beurteilte er später als sympathisch. Hatte ihn jemand gestört, so fand Boswell sein Gesicht hinterher absto-ßend – obwohl er natürlich bestritt, diese Menschen je zuvor gesehen zu haben.
Das war genau, was Damasio erwartet hatte. Denn Boswells Hirnnarbe liegt hinter der Schläfe. Die Verknüpfung der Gefühle mit den Wahrnehmungen jedoch vermutet Damasio hinter der Stirn.
Und sofort beginnt er von einem anderen Patienten zu erzählen. E.V.R. – unter diesen Initialen steht er in Damasios Patienten-Katalog – war erfolgreicher Wirtschaftsprüfer, bis eine Krebsoperation sein Leben zerstörte:
Die Chirurgen hatten einen Tumor in der Nähe seiner Augenhöhle entfernt und dabei auch Teile des Stirnhirns herausschneiden müssen.
Noch immer ist E.V.R. ungewöhnlich intelligent. Weder seine Erinnerung noch seine Wahrnehmung waren im geringsten beeinträchtigt, und dennoch bezweifeln seine Freunde, daß sie überhaupt noch denselben Menschen vor sich haben. Plötzlich war E.V.R. unzuverlässig und unberechenbar. Seinen Beruf mußte er aufgeben, zwei Ehen gingen nacheinander in die Brüche, und sein Vermögen hatte er in kürzester Zeit verspekuliert.
„Er kann sich nicht mehr entscheiden“, erzählt Damasio. „Und wenn er es tut, kommt meist etwas Selbstzerstörerisches dabei heraus.“ Auch dafür hat Damasio eine Erklärung: „Die Chirurgen haben die Konvergenzzonen zerstört, in denen E.V.R. seine Wahrnehmungen mit seinen Gefühlen koppel-te.“ Jetzt habe er den Kontakt zu dem Meßinstrument verloren, mit dessen Hilfe der Mensch seine Entscheidungen trifft: die Gefühle.
Auch das ließ sich in einem Versuch nachweisen. Dabei zeigte Damasio seinem Patienten Bilder von Landschaften, Küchengeräten oder Autos. Dazwischen mischte er gräßliche Szenen von Kriegsverstümmelten. Während E.V.R. die Bilder betrachtete, sollte ein Lügendetektor seine Ge-fühlsreaktionen messen.
Bei allen gesunden Vergleichspersonen hatte das Gerät heftig ausgeschlagen, sobald die Verwunde-ten auf dem Bildschirm erschienen. E.V.R. jedoch konnte die Bilder nur beschreiben. „Ein gräßli-ches Foto. Ich müsste jetzt wohl erschüttert sein“, sagte er.
Das Gerät jedoch, das seine Gefühlsregung hätte melden sollen, blieb stumm.
Ist das nicht Wahnsinn: Taube können sprechen lernen, und das manchmal sogar dann, wenn sie zusätzlich auch noch blind sind. Es reicht, daß sie den Kehlkopf anderer Menschen abtasten.“ Mit hastigen Sätzen redet sich Robert Berwick in Erregung.
Denn solche Anekdoten bestärken den Computer-Wissenschaftler am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in seiner Überzeugung: Die Sprache ist dem Menschen in die Wiege gelegt. Ein Kind lernt nicht sprechen – die Sprache wächst ihm wie Arme und Beine. „Wie sollte ein Blinder lernen, was ,sehen“, was ,Licht“ und was ,gelb“ ist? Auf irgendeine Weise muß er dieses Wissen schon mit auf die Welt bringen“, versichert Berwick.
Dann kramt er aus den Bergen von Zetteln, Computerausdrucken und Zeitschriften auf dem Boden seines Büros einen Artikel aus der Zeitschrift Science hervor. Die Autoren behaupten das Gen für einen Sprachfehler gefunden zu haben, bei dem die Pluralbildung gestört ist. Das Gen für den Plural – eine faszinierende Vorstellung für Berwick.
Sein ehrgeiziges Ziel ist ein Programm, das Englisch in Fremdsprachen übersetzt, egal ob Russisch, Deutsch, Japanisch oder Arabisch. „Die Voraussetzung dazu ist, daß wir die Sprachstruktur aufdek-ken, wie sie im Hirn verdrahtet ist“, erklärt er. „Dann müssen wir diese Urgrammatik nur noch auf dem Computer programmieren.“
Mit seinem Vorhaben gehört Berwick zu den Übriggebliebenen aus optimistischeren Zeiten. Ehe-dem gab es hier in Boston viele, die glaubten den Geheimnissen der Sprache auf der Spur zu sein. Schließlich ist das Labor am Bostoner Technology Square die Geburtsstätte der Wissenschaft von der Künstlichen Intelligenz (KI).
Für ihre Anhänger gilt der Glaubenssatz: Das Hirn ist ein Computer; Bewußtsein, Intelligenz, Ge-fühle und Sprache sind nichts als Programme, die ein Hacker namens Evolution im Laufe von Jahr-millionen zusammengestückelt hat. Warum also sollte es menschlichen Programmierern nicht mög-lich sein, es dem natürlichen Vorbild gleichzutun?

Mittlerweile haben die meisten der Propagandisten der Künstlichen Intelligenz solche anmaßenden Visionen der Aufbruchszeit zurückgeschnitten. Zwar hängt noch immer die Warnung an ihren Büro-türen: „Sag niemals nie!“ Aber sie lächeln milde, wenn KI-Vater Marvin Minsky von zukünftigen Computergenerationen spricht, die so intelligent sein werden, „daß wir froh sein können, wenn sie uns noch als Haustiere halten“.
Viele von Minskys Jüngern haben die Jeans gegen Krawatte und Anzu g getauscht und ihre eigene Firma aufgemacht. Dort befassen sie sich mit praktischen Problemen wie Robotersteuerung und Bildverarbeitung. Den alten Traum von denkenden Computern haben sie auf eine ungewisse Zu-kunft vertagt. Fast alle Computercracks meiden jenes berüchtigt unberechenbare Terrain, das als Inbegriff des Menschlichen, als edelste Fähigkeit des Gehirns und Voraussetzung des Denkens gilt: die Sprache.
Dabei hatten in den fünfziger Jahren viele KI-Forscher den Durchbruch schon greifbar nahe ge-glaubt. Schon im Krieg hatten englische Computerwissenschaftler ihre Fähigkeiten beim Knacken der Kodes deutscher Militärs bewiesen. Jetzt, so verkündeten die Urväter der neuen Wissenschaft von der Künstlichen Intelligenz, sei es nicht mehr weit, bis die Computer auch Fremdsprachen zu beherrschen lernten. Deutsch, Russisch oder Chinesisch seien schließlich auch nichts anderes als raffinierte Kodes, vergleichbar den Textverschlüsselungen im Zweiten Weltkrieg. Die Versprechun-gen der KI-Gläubigen waren dem amerikanischen Verteidigungsministerium damals viele Millionen Dollar wert.
Der Geldregen versickerte. Schnell waren die Forscher in scheinbar einfache Fragen verstrickt, die ihnen erst zeigten, wie vermessen ihr Traum vom Übersetzungscomputer gewesen war. Schon die Grammatik-Programme versagten, weil es ihnen an Sprachverständnis fehlte: Wie sollten sie „Kat-zen fressen Vögel“ von „Körner fressen Vögel“ unterscheiden?
Noch kläglicher scheiterten die Bemühungen, den Computer das Hören zu lehren. Schon Anfang der fünfziger Jahre hatten sie einer Maschine die Fähigkeit beigebracht, das Wort „Watermelon“ (Wassermelone) aus Hunderten anderer Worte herauszuhören. Jetzt, so versprachen die KI-Forscher, gelte es nur noch, 10 000 dieser Wort-Maschinen zusammenzuschalten, und der Computer werde Englisch verstehen.
40 Jahre später ist der Wortschatz selbst der kompliziertesten Nachfahren der „Watermelon-Box“ noch immer auf nur wenige Sätze begrenzt. Was darüber hinausgeht, verschmilzt für den Computer zu bedeutungslosem Rauschen.
Ein Satz ist mehr als die Summe seiner Wörter, und Hören endet nicht am Ohr: Je länger sie sich mit der menschlichen Sprache befaßten, desto klarer mußten die Forscher erkennen, wie naiv ihre Vorstellung gewesen war, Sprache bestehe aus Lauten, die sich wie Morsezeichen zu Buchstaben, Wörtern und Sätzen zusammenfügen.
Statt dessen hatten sie es mit einem eng verwobenen Netzwerk aus Lauten, Struktur und Bedeutung zu tun. Verstehen erwies sich eher als Erraten oder Erahnen von Worten in einem komplizierten Zu-sammenspiel von Augen und Ohren, Erinnerungen und Erwartungen, Erfahrungen und Gefühlen. All seine Fähigkeiten mobilisiert das Gehirn, besessen davon, dem Stimmbänder-Geknatter des Ge-sprächspartners einen Sinn zu geben.
Längst ehe ein Wort das Trommelfell erreicht, hat das Hirn schon Vermutungen angestellt, wie der begonnene Satz enden könnte. In Sekundenbruchteilen vergleicht es diese Erwartungen mit dem Gehörten, mit Lippenbewegung und Mimik des Gegenübers. Blitzschnell testet es genuschelte En-dungen auf grammatische Richtigkeit, prüft Sätze auf Logik und Sinn, wägt verschiedene Bedeu-tungen gegeneinander ab.

Der Laut „bar“ läßt die Assoziation einer Theke aufblitzen, gleichzeitig flackert das Bild von Geld-scheinen hervor, und die Bedeutung „ohne“ wird probeweise in die Satzstruktur eingepaßt – und schließlich ist das Hirn auch noch bereit, wenn alle drei Versuche versagen, einen verschluckten „Bart“ in dem Laut zu erkennen. Im Bewußtsein erscheint nur das Ergebnis vom Ausprobieren und Raten, Testen und Beratschlagen der Sinne.
Nach 40 Jahren Sprachforschung ist den Wissenschaftlern am MIT vor allem Respekt vor dem ver-wobenen Wunder Sprache geblieben – und Spott über die Naivität der Aufbruchsjahre. Ein Compu-ter, lautet ein vielzitierter Witz, werde wohl nie lernen, ob das Sprichwort „Out of sight, out of mind“ besser mit „blind und auch noch schwachsinnig“ oder mit „unsichtbarer Idiot“ zu übersetzen sei.
KI-Forscher Berwick läßt sich seinen Optimismus von solchem Spott nicht nehmen. „Sprache ist nicht so kompliziert, wie sie uns jetzt erscheint.“ Trotz aller Rückschläge ist er davon nach wie vor überzeugt. „Es ist wie mit der Materie: So komplex sie auch ist – sie ist dennoch aus einfachen Atomen zusammengesetzt.“
Genau daran, an der Kenntnis der Sprachatome, habe es seinen Vorgängern gemangelt. „Die haben den Computern Tausende von Regeln beigebracht“, erklärt Berwick. „Das ist, wie wenn ein Chemi-ker Moleküle ordnet, ohne die Atome zu kennen. Erstens wird solch ein Regelwerk schnell völlig unübersichtlich. Zweitens kann es gar nicht vollständig sein, denn es finden sich immer noch Sätze, die nicht erfaßt sind. Und dann sind auch noch für jede Sprache ganz neue Regeln nötig.“
Berwick dagegen glaubt, die Atome der Grammatik gefunden zu haben – bei Noam Chomsky, der nur wenige Häuserblocks vom Hochhaus der Künstlichen Intelligenz am Technology Square ent-fernt arbeitet.
Chomsky, den viele für den einflußreichsten Linguisten des Jahrhunderts halten, predigt seit langem seine Theorie vom universalen Sprachkode. Vor zehn Jahren stellte er seine Fassung der Urgram-matik vor, die Berwick jetzt dem Computer beizubringen versucht. Jedem Satz liegt nach Chomskys Vorstellung ein Baum zugrunde, in den Verästelungen dieses Baumes liegt das Geheimnis der Spra-che verborgen.
„Wenn ein Kind sprechen lernt, dann wird sozusagen an jeder der Gabelungen ein Schalter im Hirn umgelegt“, erläutert Berwick. „Im Alter von drei oder vier Jahren sind dann schließlich alle Schalter auf Deutsch, Englisch oder Japanisch gestellt.“
Diese Vorgänge im Kopf eines Kleinkindes kann Berwick per Tastendruck am Computer simulie-ren. Wenige Sekunden nachdem er einen englischen Satz in die Tasten tippt, wächst ein Bäumchen auf dem Computerschirm, geschmückt mit Verben, Artikeln und Pronomen des eingegebenen Sat-zes. Übersetzen besteht für Berwick darin, den entsprechenden Baum einer anderen Sprache mit demselben Baumschmuck zu behängen.
„Die japanische Sprachstruktur zum Beispiel ist eine genaue Spiegelung der englischen“, erklärt er. Japanische Verben nämlich stehen, anders als im Englischen, immer am Ende des Satzes.
Auch spanische Bäumchen kann Berwick bereits wachsen lassen, und Warlpiri-Gewächse, eine be-sonders exotische Sprache australischer Eingeborener, die den Sprachforschern als Testsprache dient.
Die Übersetzerfähigkeiten seines Programms jedoch nehmen sich noch kümmerlich aus. Zwar überbietet es bereits jenen Japaner, der, vermutlich eifrig im Wörterbuch blätternd, den folgenden bezaubernden Satz für die deutsche Betriebsanleitung eines japanischen Farbmonitors schuf: „Nim-mer diesen Monitor legen, wo der Schnur von Personen darauf spazieren gehen grausam behandelt wird.“ Für praktische Zwecke ist das Berwick-Programm dennoch kaum tauglich. Nicht einmal an das mühsame Stottern anderer Übersetzungscomputer reicht es heran.
Berwick ficht das nicht an. „Wir machen hier Forschung“, verteidigt er sich. „Außerdem kann unser Programm auch Sätze mit leichten Fehlern analysieren, wo andere sofort abstürzen. Und das ist we-sentlich: Schließlich ist ja fast nie hundertprozentig korrekt, was wir sagen.“
Und dann beweise noch ein anderes Ergebnis, daß er auf dem richtigen Weg sei: „Wenn wir den Computer Japanisch in Englisch übersetzen lassen, dann macht er zuerst dieselben Fehler wie ein Japaner – bis wir die Schalter richtig gestellt haben.“ *HINWEIS: Im nächsten Heft Computer brab-beln Kleinkindsprache – Der Generalbaß des Bewußtseins – Das Rätsel des Erkennens – Was denkt eine Schnecke?
* Radioaktiv eingefärbter Mikrotom-Schnitt, ein hundertstel Millimeter dick. * Oben: mit der Com-putergrafik eines Patientengehirns; Mitte: nach Descartes“ Vorstellung liefen alle Wahrnehmungen in der Zirbeldrüse zusammen. Dort vermutete er den Sitz der Seele, die Handlungsbefehle an den Körper gibt.

DER SPIEGEL 10/1992
Alle Rechte vorbehalten
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Über igelin

Das Foto ist nicht die Wordpress Blog-Schreiberin, sondern ihr gefolterter, misshandelter, vergifteter, verleumdeter und mit 28 Jahren in der psychiatrischer Forensik Mühlhausen / Thüringen am 27.02.2011 ermordeter Sohn Holger Zierd. Ein hochintelligenter junger Mann auf der Suche nach seinem Selbst. Beruf: Forstwirt, Verantwortlich für die Inhalte dieser Blogs: https://igelin.wordpress.com https://gesundbleibenblog.wordpress.com/ Einträge werden geschrieben und/oder ausgewählt von Rosel Zierd, Mutter des in der Forensik Mühlhausen / Thüringen Gefolterten, bei der Zwangsmedikatierung Schulterknochen gesplittert, trotzdem weiter gespritzt bis zum Tod. Verhungert, abgemagert bis auf Haut und Knochen, vergiftet in jeder Körperzelle - am 27.2.2011 ermordeten Gefangenen und Patienten Holger Zierd. Das Ökumensiche Hainich Klinikum ist Eigentum der christlichen evangelischen und katholischen Kirche . Holger fand nirgends Gehör - die ärztlichen ökonomischen Gesichtspunkte sind wichtiger als Gesetze und Menschenrecht oder Menschenwürde. Ich habe meinen Sohn an seinem 29. Geburtstag beerdigt. In die Psychiatrie wurde er eingeliefert ohne einem Menschen Schaden angetan zu haben und ohne einem Menschen auch nur ein böses Wort gesagt zu haben. Verurteilt von Psychiatern seit er die Schwelle der Psychiatrischen Klinik überschritten hatte. Da die Staatsanwaltschaft Thüringens die Ermittlung sowohl wegen Körperverletzung als auch wegen Mord und Beihilfe zum Mord nicht durchführt weil die Täter zuvor eine psychiatrische Diagnose erfunden haben, schreibe ich hier im Internet die Anklage gegen die Täter und hoffe, dass ich anderen Menschen Informationen vermitteln kann, die wir erst in 6 Jahren suchen und finden mussten. Möge Gott uns helfen. Mit der Angabe meiner vollständigen Adresse erkläre ich mich voll verantwortlich für die von mir geschriebenen und veröffentlichten Erfahrungen und Meinungen - sowie Erkenntnisse und für die Auswahl der Links und kopierten Artikel. Rosel Zierd (Mutter von Holger Zierd) Sorghofstraße 10 36433 Bad Salzungen Telefon: 03695 - 66 54 17 Handy. 0176 - 64 19 02 72 Internet: http://kabale.se Email: info@kabale.se Ich hoffe, dass meine Einträge für die Täter und Nicht-Denker unbequem sind und sie mit der Veröffentlichung nicht einverstanden sind. Für den Fall, dass diese mir meinen Sohn lebendig und gesund und munter zurück geben, wie er vor der psychiatrischen Misshandlung gewesen ist, dann werde ich meine Meinung revidieren und meine Veröffentlichungen löschen.
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