Sex und Folter in der Kirche im Namen Gottes

Horst Herrmann: Sex und Folter in der Kirche
2000 Jahre Folter im Namen Gottes. München: Orbis 1998; Bertelsmann, 1994

Man hat es hier mit Religionskritik einer sehr biederen und traditionellen Art zu tun:

Die Christen, insbesondere die in der römisch-katholischen Kirche verfassten, haben im Laufe der Jahrhunderte unabsehbar viel Gewalt ausgeübt, und sie halten an den theoretischen / theologischen Grundlage dafür immer noch fest.
Der Geschichtslehrer erzählt – frisch, munter, und in Deschnerianischer Manier. So etwas hat allerdings leicht den Effekt, dass man resignierend Gewalt überall feststellt und sich daher schulterzuckend abwendet, fallweise sich auch auf bestimmte schätzenswerte Details konzentriert – die geläufige Verteidigung „aber die machen doch dies und das und das ist doch gut“.
Dabei handelt es sich keineswegs um „Einzelfälle“ oder „Missbräuche“, sondern die religiös begründete Gewalt findet in der Bibel – und auch im NT – ihre Grundlagen.
Dazu liefern dem Autor nicht nur die etwas aggressiveren Jesusworte den Beleg, sondern auch eine sorgfältige Exegese diverser Gleichniserzählungen.
„Wie ein roter Faden wird sich eine These durch dieses Buch ziehen: Das Christentum war entgegen seiner Propaganda nicht nur nicht imstande, die Menschheit entscheidend zu bessern; es trug in Theorie und Praxis dazu bei, die Verhältnisse zu verschlimmern.“ (17)
Man freut sich nicht so richtig über dieses historisch „allzu wahre“ Argument, denn Moral und zumal christliche Religion haben grundsätzlich nichts miteinander zu tun – „wenn es bei der Religion um Moral ginge, dann wäre Sokrates der Erlöser“ (Blake, oft auch Kiekegaard zugeschrieben). Wer es anders behauptet – wie es in Diskussionen um den Religionsunterricht häufig geschieht: es solle stattfinden, „damit das Leben gelingt“ – ist dusslig oder lügt (und bei Theologen kann man als erwiesen voraussetzen, dass sie nicht dusslig sind). Ethik / Moral sprechen vom Zusammenleben der Menschen untereinander, Religion spricht vom Verhältnis zwischen Kollektiven (Volk, Gemeinde) und Individuen zur Transzendenz und von dem damit verbundenen Schrecken. (Damit, unvermeidlich, geht ein Überordnungsverhältnis einher – der Religion obliegt die Verwaltung der diversen Ausnahmezustände – und entsprechend wird sie auch immer mehr wollen. Das ist gerade auch hinsichtlich Folter hier und Hölle dort relevant – einfach nur sterben ist nie genug.)
Die mit dem Christentum verbundene Gewalt ist notwendigerweise mit Sexualunterdrückung verknüpft und Bestandteil patriarchalischer Machtverhältnisse.
Auch hier wird man bei aller Oberflächenplausibilität der Argumentation nicht recht froh: Warum, und wie genau, gehört zusammen, was man tatsächlich unbestreitbar zusammen findet? Was ist das für eine Gestalt von Subjektivität (anima naturaliter christiana), die sich fortwährend vom Fleisch losreißen und von der Frau, als dem Beinahe-noch-Tier, absetzen muss?
Bei der Lektüre erfasst einen eine merkwürdige Art von dejà vu: Als hätte man das alles, alles schon gelesen, zweimal, dreimal, immer wieder. Das liegt weniger daran, dass Hermann sich vorwiegend auf bekannte Sekundärliteratur stützt, sondern an seiner Aufbereitung bekannter Argumente und Fakten. Man muss weite Strecken gutmenschlichen Gewäsches an sich vorbeiziehen lassen, ununterschiedene Vorwürfe und Fakten, an deren Widersprüchlichkeit kein weiterer Gedanke verschwendet wird. Von jemand, der Mangel an Humanität reklamiert, möchte man vielleicht erstmal wissen, was Humanität sei, und ob nicht alles Scheußliche, was er vor uns ausbreitet, im Sinne eines status corruptionis gerade als Ausdruck von Humanität zu verstehen sei. Auch der Gedanke an eine „Dialektik der Aufklärung“ ist Hermann beneidenswert fremd, obwohl er sich anhand der Geschichte der Ketzter- und Hexenverfolgung doch geradezu aufdrängt.
Dennoch stimmen ja die Fakten und Argumente weit gehend. Einen deutlichen Mangel muss man allerdings darin sehen, dass Hermann bei seinem Überblick über Folter und Strafen nicht mehr zwischen weltlich und geistlich motivierter Verfolgung unterscheidet – zwar mit Gründen, aber keinen wirklich überzeugenden. Verfolgung war oft ein Anliegen der Gemeinschaft, und zwar auch unter sehr materiellen, „niederen Motiven“ – es musste sich dann allerdings auch noch ein ideologischer Rahmen finden lassen, und da war die Kirche oft schnell behilflich.
Ja, ja, ja, sagt man, und schließlich: Ja, und. Zu fragen deshalb, warum solche Kritik verpufft, warum sie langweilig und wirkungslos geworden ist. Die These vom Christentum als absoluter Religion impliziert eben auch, dass Kritik nichts ausmacht – mag die Kirche verschwinden, das, worauf es ankommt, ist ja sowieso überall enthalten, auch und gerade in der Kritik und ihren Begriffen.
Neue Geschichten, Praktiken, Begriffe könnten nur auf Grund einer anderen Art des Zusammenlebens von Menschen entstehen – und gescheiterweise ist ja genau dies etwas, was die Kirchen vordringlichst zu verhindern suchen. Und so etwas erfordert Zeit, d.h. Geduld im Umgang mit losen Enden und offen bleibenden Fragen.
Dieses Buch ist voll Wut geschrieben, aber die Wut ist bekanntlich ein schlechter Ratgeber, sie hindert das Begreifen. Als letztlich entscheidende Frage bleibt die nach einer Kultur des Gedenkens stehen: Man kann das christliche Erbe nicht pauschal aufgrund seiner blutigen Geschichte verwerfen, man kann aber auch nicht einfach sagen: Nun ja, es war so schlimm, jetzt machen wir es einfach besser. Eins wäre so blöd wie das andere. Ganz unvertraut ist diese Frage für Deutsche ja nicht.

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Das Buch zirkuliert inzwischen als Datei im Internet. Einige Zitate können einerseits einen Eindruck von Hermanns Darstellung geben, andererseits auch in anderen Zusammenhängen nützlich angewandt werden:

„Neue Religiosität“
„Tote Kirchen, auflebende Religion“ lautet Hermann erste Kapitelüberschrift (8ff.) – „Religion dagegen, deren ursprüngliche Erfahrung von Schrecken begleitet ist …“ (8) bleibt, auch erneuert in New-Age-Veranstaltungen.
„Die Kirchen, Großorganisationen des herkömmlichen Christentums, sind schockiert, weil sie die frischen Wasser der religiösen und pseudoreligiösen Energien nicht auf ihre Gottesmühlen zu leiten vermögen. Doch sie sind zu schwach, auch nur einen bescheidenen Anteil an der gegenwärtigen Glaubensrenaissance zu beanspruchen. Ihre Geschichte ist entlarvt, ihre Glaubwürdigkeit litt schwersten Schaden. Ihre geistlos verwalteten Strukturen lassen keine Rettung des Feuers zu; dieses brennt anderswo.

Die christlichen Kirchen haben die Vernunft nicht gepachtet, auch wenn Sektenbeauftragte, die neuen Inquisitoren, dies vorgeben: Der christliche Glaube verlangt nicht weniger, sondern mehr irrationalen Glauben, als manche »Sekte« einzufordern wagt.“ (9)

Angst
„Jahrhunderte der abendländischen Geschichte hindurch gilt es nicht nur als furchtbar in die Hände des lebendigen Gottes zu geraten, sondern ist es in der Tat schrecklich, in die Hände von Christen zu fallen. Keine Imagination, sondern schlimmste Realität. Christen weisen nicht nur Psychosen, Selbstzerstörungsängste, nicht ausgelebte Aggressionen, Rachephantasien vor. Sie projizieren nicht allein diesseitige Schuld auf ein abgelegenes Jenseits. Sie sehen, auch wenn das die heutige Theologie nicht mehr versteht, in der Hölle einen real existierenden Ort, im Teufel den Leibhaftigen, der hinter jeder Ecke hervorlugt und immer bereit ist, zuzupacken und zu verderben. Jünger führen diese Tatsache, die gegenwärtigen Christen zumeist unbekannt bleibt, auch nicht nur auf eine Möglichkeit des Neuen Testaments zurück: Teufel, Hölle, Sündenfolter, ewige Verdammnis sind göttliche Notwendigkeit. Sie gehören unverzichtbar in den »Heilsplan« Gottes hinein und lassen sich nicht von postmoderner Theologie wegdiskutieren.
Die Gegenwart, die angeblich aufgeklärte Theologie zuerst, macht es sich verdammt leicht mit Erklärungsversuchen. Was sie nicht sehen will: Wahre Christen hatten heilsnotwendigerweise Angst zu haben.“ (70)

„Modernisierungsbemühungen“
Unfair, sich demgegenüber als liberaler, moderner, verstehender, permissiver Christ zu geben und auf Wesensinhalte der eigenen Religion zu verzichten, um sich als der bessere Mensch zu beweisen! Wer dem im Evangelium gezeichneten »Jesus Christus«, wie unter Christen von rechts bis links üblich, nur die besten Seiten des Menschseins anrechnet, beweist entweder seine Unkenntnis oder seine Unredlichkeit. Dieser »Jesus« ist nicht jener Softie, der gerade ins gegenwärtige Bild der theologischen und journalistischen Weichzeichner paßt. Populisten und ihre Medien können es drehen und wenden, wie sie wollen: Der vollkommene Mensch »Jesus« predigte nach Auskunft seiner Jünger nicht nur Hölle, Tod und Teufel, sondern auch die fundamentale Heilsnotwendigkeit des Glaubens.

Kein Fundamentalismus kann als Degeneration des angeblich reinen Ursprungs gewertet werden, wo der Anfang selbst verderbt ist. Wer einen idealen Anfang, einen reinen Ursprung seiner Religion (und ihrer Institutionen, Wertsetzungen, Normen) postuliert, setzt sich über die Geschichtlichkeit des Menschen und seiner Erfahrungen hinweg. Kein Anfang einer geschichtlichen Bewegung war so rein, wunderbar, originär, wie das Spätere legitimierten. Keine Religion kam aus dem Nichts. Auch das Christentum macht keine Ausnahme; seine Geschichte ist von Beginn an fragwürdig. (84 | 85) Deutet ein vermeintlich moderner Theologe die jeweils unliebsamen Stellen der Bibel weg oder verteidigt er ein wahres Christentum oder den echten Gott behend gegen die abgefallene Kirche, will er betrügen. Im Gespräch mit Nichtchristen stellt niemand einen Partner dar, der an einer so fundamentalistischen Grundvoraussetzung wie der vom reinen und vollkommenen Anfang festhält.
Gegen die Verkündigung »Jesu«, des wahren Wortes Gottes, gibt es keine Berufung. Es sei denn, wir erführen endgültig, was alles nicht mehr ins Konzept des heutigen Jesus-Bildes paßt und daher von Amts wegen gestrichen werden muß. Aufrichtig wäre, jeder Theologe und Jesus-Biograph artikulierte das, was er für sein Idealbild hält, und gäbe zu, daß er dieses Bild dann mit dem Jesus-Etikett versah. Der fundamentalste Fundamentalismus des Christentums muß von allen Gläubigen, nicht nur von den sogenannten Fundamentalisten akzeptiert werden: Es gibt einen persönlichen Gott, »unseren Gott«, der das Letzte, nicht mehr zu Hinterfragende und nicht Anzuzweifelnde ist, und »Jesus« ist sein Sohn, »unser Herr«. Gegenüber diesen »Offenbarungswahrheiten« der frühen Jüngerschaft kommt auch jeder progressive Christ in den Zustand des Bekenntnisses. Ihnen kann er sich nicht verschließen. Sie verlangen sein Ja. Denn »wer nicht glaubt, wird verdammt werden« (Mk 16,16).

Moral
In letzter Zeit setzten Bischöfe mehrfach Nichtglaubende mit Nationalsozialisten gleich. Der Oberhirte J. Meisner beschuldigte am 31. Januar 1991 pauschal alle Nichtgottgläubigen der Friedensunfähigkeit und Kriegshetze. Er kümmerte sich nicht im geringsten um die historische Wahrheit oder um die Achtung vor Andersdenkenden, als er predigte, denen, die die »brüderliche Kommunion« und den Bezug zu Gott vermissen ließen, bleibe allein »menschenverachtender Kannibalismus«. Schließlich wagte er den Satz, nur ein gläubiger Mensch werde auf Dauer »ein friedfertiger Zeitgenosse bleiben«, und fragte: »Wem Gott nicht mehr heilig ist, was soll dem noch heilig sein?« Damit waren Andersdenkende als moralisch minderwertig klassifiziert.
Bischof J. Stimpfle (Augsburg) behauptete 1992, »ohne Hoffnung auf das ewige Leben« sei ein Mensch »schwer verstümmelt«. Der Münchner Kardinal F. Wetter offenbarte im Dezember desselben Jahres, der Ausländerhaß entstamme dem »fehlenden Bezug zu Gott.« (96)

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Über igelin

Das Foto ist nicht die Wordpress Blog-Schreiberin, sondern ihr gefolterter, misshandelter, vergifteter, verleumdeter und mit 28 Jahren in der psychiatrischer Forensik Mühlhausen / Thüringen am 27.02.2011 ermordeter Sohn Holger Zierd. Ein hochintelligenter junger Mann auf der Suche nach seinem Selbst. Beruf: Forstwirt, Verantwortlich für die Inhalte dieser Blogs: https://igelin.wordpress.com http://igelin.blog.de Einträge werden geschrieben und/oder ausgewählt von Rosel Zierd, Mutter des in der Forensik Mühlhausen / Thüringen Gefolterten, bei der Zwangsmedikatierung Schulterknochen gesplittert, trotzdem weiter gespritzt bis zum Tod. Verhungert, abgemagert bis auf Haut und Knochen, vergiftet in jeder Körperzelle - am 27.2.2011 ermordeten Gefangenen und Patienten Holger Zierd. Das Ökumensiche Hainich Klinikum ist Eigentum der christlichen evangelischen und katholischen Kirche . Holger fand nirgends Gehör - die ärztlichen ökonomischen Gesichtspunkte sind wichtiger als Gesetze und Menschenrecht oder Menschenwürde. Ich habe meinen Sohn an seinem 29. Geburtstag beerdigt. In die Psychiatrie wurde er eingeliefert ohne einem Menschen Schaden angetan zu haben und ohne einem Menschen auch nur ein böses Wort gesagt zu haben. Verurteilt von Psychiatern seit er die Schwelle der Psychiatrischen Klinik überschritten hatte. Da die Staatsanwaltschaft Thüringens die Ermittlung sowohl wegen Körperverletzung als auch wegen Mord und Beihilfe zum Mord nicht durchführt weil die Täter zuvor eine psychiatrische Diagnose erfunden haben, schreibe ich hier im Internet die Anklage gegen die Täter und hoffe, dass ich anderen Menschen Informationen vermitteln kann, die wir erst in 6 Jahren suchen und finden mussten. Möge Gott uns helfen. Mit der Angabe meiner vollständigen Adresse erkläre ich mich voll verantwortlich für die von mir geschriebenen und veröffentlichten Erfahrungen und Meinungen - sowie Erkenntnisse und für die Auswahl der Links und kopierten Artikel. Rosel Zierd (Mutter von Holger Zierd) Sorghofstraße 10 36433 Bad Salzungen Telefon: 03695 - 66 54 17 Handy. 0176 - 64 19 02 72 Internet: http://kabale.se Email: info@kabale.se Ich hoffe, dass meine Einträge für die Täter und Nicht-Denker unbequem sind und sie mit der Veröffentlichung nicht einverstanden sind. Für den Fall, dass diese mir meinen Sohn lebendig und gesund und munter zurück geben, wie er vor der psychiatrischen Misshandlung gewesen ist, dann werde ich meine Meinung revidieren und meine Veröffentlichungen löschen.
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